Das ungerechte Gericht / Urteil des Pilatus

Darstellungen des "ungerechten Gerichts" wie die oben abgebildete (ein handkolorierter Holzschnitt der Imprimerie Deckherr, Montbéliard, 1. Hälfte d. 19. Jh.) waren einst weit verbreitet. Sie fallen auf, weil diese Darstellung der Verurteilung Jesu nicht den biblischen Berichten entspricht. Im Zentrum des Bildes steht der Hohepriester Kaiphas, umgeben von 19 weiteren Mitgliedern des Hohen Rates, deren Namen zwar biblisch klingen, zum Teil aber frei erfunden sind (Simon Lepros, Rabam, Achias, Subath, Rosmophin, Potiphar, Riphar, Joseph von Arimathia, Joram, Ehierin/Ehieris, Nicodemus, Diarabias, Sareas, Sabinti, Josaphat, Ptolomeus, Teras, Mesa, Samech). Oft sind auf dem Bild Texttafeln zu sehen, die nicht nur die Namen der Richter, sondern auch ihre Voten mitteilen. Am Rande der Szene thront der römische Statthalter Pontius Pilatus. Die Überschrift lautet: "Abbildung Des ungerechten Gerichts, so wider Jesum ergangen, wie solches unter der Erde in Stein gehauen gefunden worden."

Das merkwürdige und besonders in der populären Druckgraphik des 19. Jahrhunderts beliebte Motiv geht auf einen apokryphen Text des 16. Jahrhunderts zurück. 1580 wurde angeblich in L'Aquila, im damaligen Königreich Neapel, der Wortlaut des Urteils aufgefunden, das Pilatus über Jesus gefällt haben soll. Der italienische Text erweist sich schon auf den ersten Blick als plumpe Fälschung. Dennoch erregte dieser Fund weit über Italien hinaus großes Aufsehen. In einer Flugschrift, die kurz darauf in Nürnberg und weiteren Städten gedruckt wurde, findet sich außer dem deutschen Text des Pilatus-Urteils erstmals auch ein Verzeichnis der zwanzig jüdischen Richter und ihrer Äußerungen (hier ein 1581 in Regensburg erschienener Druck). Schon bald entstanden illustrierte Einblattdrucke, durch die das neue Bildmotiv auch Eingang in die Malerei und Graphik fand (Marten de Vos, Ambrosius und Frans Francken, Adriaen Collaert, Egbert van Panderen, Daniel Altenburg, Isaak Brun, Claude Deruet, Johann Jakob Thurneyser, Giovanni Battista Canossa u. a.).

Die Geschichte dieses Motivs hat als erster der Kunsthistoriker Rudolf Berliner untersucht; vgl. Rudolf Berliner, Das Urteil des Pilatus, in: Die christliche Kunst 30, 1933/34, S. 128-147, wieder abgedruckt in: Rudolf Berliner (1886-1967), "The freedom of medieval art" und andere Studien zum christlichen Bild, hrsg. von Robert Suckale, Berlin 2003, S. 43-59. Zur einschlägigen Literatur vgl. die Bibliografie zum Motiv “Das ungerechte Gericht / Urteil des Pilatus”.NEW

Da ich für das Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte einen Artikel zu diesem Thema vorbereite, bin ich für jeden Hinweis auf entsprechende Darstellungen dankbar!

Rainer Henrich (henrich [at] bluewin.ch)


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Aktualisiert am 7. Mai 2013.

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